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26Die Macht der Gewerkschaften beruht auf den Bemühungen der Lohnempfänger, den Zumindest vorübergehend und auf bestimmte Industrien und Gebiete beschränkten Wettbewerb untereinander zu überwinden, um gemeinsame Ziele auf der Grundlage gemeinsamer Interessen und Werte zu verfolgen. Die strategischen Handlungsoptionen der Gewerkschaften lassen sich am besten anhand des Wandels der individuellen und kollektiven Machtressourcen der Arbeitnehmer beschreiben (vgl. Silber 2003, Brinkmann et al. 2008, Dörre 2010b, Nachtwey/Brinkmann 2010). Machtressourcen, die im Folgenden kurz eingeführt werden, sind keine unabhängigen Variablen, die einander nachfolgen, sondern miteinander verbunden sind: Strukturelle Macht wird durch die Position bestimmter Gruppen auf dem Arbeitsmarkt und im Produktionsprozess bestimmt. Hohe Arbeitslosigkeit, industrieller Wandel, neue Technologien und Globalisierung haben die Machtressourcen vieler Beschäftigungsgruppen sowohl innerhalb der Produktion als auch auf dem Arbeitsmarkt nachhaltig geschwächt. Organisationsmacht stellt die Stärke der Mitgliedschaft dar und spiegelt darüber hinaus die Fähigkeit der Arbeitnehmer und Gewerkschaften wider, in bestimmten Logiken kollektiven Handelns zu handeln, um die Kontrolle des Kapitals über die Anwendung der Produktionsmittel ändern zu können. 27Der Verlust der strukturellen Macht durch die Gewerkschaften kann teilweise durch Organisationsmacht kompensiert werden – dennoch mussten sich die deutschen Gewerkschaften auch hier Erosionsprozessen stellen, die in Streikverlusten (z.B. in Ostdeutschland) und einem Rückgang der Mitglieder- und Repräsentationsdichte seit fast zwei Jahrzehnten gipfelten. Die dritte Kraftquelle von Arbeit und Gewerkschaften ist die institutionelle Macht. Das besondere Merkmal der institutionellen Macht ergibt sich aus der Tatsache, dass Institutionen als Ersatz für die in der Vergangenheit vereinbarten sozialen Kompromisse fungieren. Auf diese Weise wird strukturelle und organisatorische Macht in gesellschaftliche Institutionen integriert (Filgstein 2001). In gewisser Weise funktioniert es analog zur “Dualität” der Struktur (Giddens 1995).

Strukturelle und organisatorische Macht sind sowohl “Regeln und Ressourcen” (ebd.: 45) als auch – gleichzeitig – Mittel und Ergebnis kollektiver Maßnahmen. So wird durch diese Institutionalisierung der Macht die Präferenz des kollektiven Handelns der Gewerkschaften vorgeformt.

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